Zum Verzeichnis

 

Die Bedeutung von Shinjin

Von Shoji Matsumoto und Ruth Tabrah

Teil 3

Für das heutige menschliche Bewusstsein bringt die Geschichte von Dharmakara die große Bedeutung der buddhistischen Ideale der Weisheit, des Mitgefühls, der Gleichberechtigung und der Wertschätzung für das eigene und alles Leben überhaupt zum Ausdruck, und dass Unbeständigkeit, Wandel und gegenseitige Abhängigkeit naturgegeben sind. Wir öffnen uns für eine natürliche Weise des Handelns und Denkens, die nicht auf Aberglaube oder übernatürliche Mächte baut. Die buddhistischen Ideale werden zu Pforten unserer völligen Menschwerdung. Sie eröffnen uns die Möglichkeit, aufgeschlossen und verantwortungsvoll zu leben und der Wahrheit über die Dinge, wie sie sind, und über uns selbst, wie wir sind, offen ins Auge zu sehen: alles ist ganz naturgemäß so geworden. Wenn diese wahrheit zu unserem Leitbild wird, zu unserer persönlichen Lebensgrundlage, dann erfahren wir ebenfalls ein "Umdrehen der Basis", eine Neugeburt im spirituellen wie auch existentiellen Sinne. Im Shinbuddhismus spricht man dann vom Erwachen des shinjin.

Für Shinran war dieser Umstand gleichbedeutend mit der Erkenntnis, dass Amida seine Buddhaschaft jedem einzelnen von uns anvertraut hat. Er war nicht einverstanden mit der althergebrachten Auslegung von Asvaghosas "Abhandlung über das Erwachen des

Vertrauens", einem frühen indischen buddhistischen Kommentar, der im Japan des13. Jahrhunderts nur in zwei verschiedenen chinesischen Übersetzungen verfügbar war. [Noch vor Nagarjuna gilt Asvaghosa in der Chinzei-Sekte der Jodoshu Honens als erster Patriarch der Traditionslinie.] In "Der Wahre Buddha und das Land des Reinen-Land-Wegs", einem Kapitel seines Hauptwerks, wählt Shinran als Grundlage für sein eigenes Verständnis den Kommentar von Hisaku [(Fei hsiu), eines chinesischen Zenmeisters (Abhandlung über das Nembutsu samadhi)]. Ausgehend von dessen Interpretation, verstand Shinran das Erwachen des Vertrauens nicht als eine Angelegenheit des "daran Glaubens". Er deutete das Erwecktwerden vielmehr so, dass jemand ein neuer Mensch wird, wenn er zum Einssein von Amida mit sich selbst erwacht. Diesen Sachverhalt umschrieb Shinran nun mit jenem Begriff, der neu für den Buddhismus war, mit shinjin. Ausserdem erläuterte er, dass die Erweckung zu Amidas shinjin gleich bedeutend ist mit dem grundlegenden Vertrauen in das Leben an sich. Amida (Weisheit und Mitgefühl) geht bedingungslos das Wagnis ein, jedem von uns seine Buddhaschaft anzuvertrauen. [Amida gelobte, erst dann vollstandige Erleuchtung zu erlangen, wenn auch der letzte Vertrauende ins Reine Land eingegangen sei.]